Ermittlungen gegen Polizeibeamt*innen in NRW 2009-2014

Angelehnt an eine in Sachsen von Enrico Stange – Die Linke Sachsen – gestellte Anfrage bekam ich auf meine Anfrage für NRW diese Antwort der Landesregierung:

Zusammenfassend mit der dort erwähnten Anfrage von Dirk Schatz aus 2013 und der dazu gehörenden Antwort der Landesregierung ergibt sich zusammengefasst folgende Tabelle:

  

“Die Blumen sind für Sie…”

Ich habe das mal geglaubt, das mit dem “Polizist – Dein Freund und Helfer”. Ich war so unsäglich naiv. Ich weiß heute nicht mehr, ob und wann ich die Polizei anrufen würde. 

Mal ein paar “Einzelfälle”:

Im Dezember 2013 im Vorfeld der von Neonazis in Dortmund gerne durchgeführten Weihnachtskundgebungen an Wohnungen von Politiker*innen gab es an einem Abend vorher bereits eine Kundgebung der Neonazis. Ich habe dann (weil ich nichtsahnend daran vorbeikam) mal bei der Polizei angerufen, um zu fragen, was da denn los sei. Eine Antwort erhielt ich nicht. Der Mann am Telefon erklärte, das ginge mich nichts an. Ich ließ mir, nachdem er noch weiter unfreundlich war, den Namen geben. Dachte ich. Beim einige Zeit später stattgefundenen Treffen mit dem Polizeipräsidenten stellte sich heraus, dass es einen Menschen mit dem Namen bei der Polizei Dortmund gar nicht gibt. Es scheint auch mit der Uhrzeit nicht möglich gewesen zu sein, zu ermitteln, wer denn da mit mir telefoniert hat in der Zentrale.

Es muss nicht immer die ganz klare Polizeigewalt sein, die das Vertrauen erschüttert. Es sind die Kleinigkeiten. Weil es immer und immer wieder passiert. Und weil es eben keine Einzelfälle sind.

Die Polizeigewerkschaft Köln, bei der auf Facebook gegen “die Antifa” gehetzt wird.

Der Retweet eines Neonazis durch die Polizei Dortmund.

Der Polizist, der am 1. Mai auf der Gegendemo ruft, wir könnten auch mal “richtig aufs Maul bekommen” (Bochumer Hundertschaft).

Der Typ im Thor Steinar-Pulli, der in einem der Polizei angegliederten Sportverein gesehen wird.

Die Polizei, die verschwunden ist (nachdem sie mit zig Einsatzkräften eine Schnitzeljagd des Avantizentrums abfängt und Personalien feststellen lässt) als nur wenige Meter davon entfernt, Nazis aus dem Auto heraus Journalist*innen anpöbeln. 

Die Polizist*innen, die auf die Aussage, dass man eine Kundgebung vor einem besetzten Haus anmelden möchte mit: “Mit Ihnen rede ich doch gar nicht” antworten.

Der, der bei der Räumung der Albertus-Magnus-Kirche mit den Worten “Die Olle kommt hier auf gar keinen Fall rein.” hinter mir herläuft. 

Die, die bei jedem Halstuch wegen Vermummung in linke Demos stürmen, zum Vergleich aber z.B.  am 1. Mai 2014 einen Naziaufmarsch komplett unangetastet lassen trotz vieler vermummter Teilnehmer*innen (um nicht zu eskalieren).

Polizist*innen, die Menschen in die Gedenkdemo zum 10. Todestag von Thomas Schulz (28.03.2015) zurückschubsen, weil diese die Menschen anzeigen wollen, die am Fenster in der Rheinischen Straße wiederholt den Hitlergruß zeigen. Am 1. Mai 2014 war bei dem Naziaufmarsch just in dem Moment dann die Kamera aus.

Die Polizisten, die bei einer Räumung mit “Ahu” (beliebter „Kampfruf“ von rechten und rechtsoffenen Hooligans) in den Raum mit den Besetzer*innen kommen.

Oder Aussagen wie “Das Grundrecht interessiert mich nicht.” (Passierte mehrfach, z.B. Demo nach Dorstfeld 2014 oder vor der besetzten neuapostolischen Kirche) Immer gerne dabei: “Sie können ja klagen.” “Sie können sich ja beschweren.” (Und vielleicht muss man das mit so ein paar Klagen auch einfach mal durchziehen.)

Demo in Hamm (BFE): “Meinen Namen können sie später haben.” (nachdem eine ältere Frau geschlagen wurde). Den Namen habe ich natürlich nicht bekommen. Einen Polizisten mit Helm und Sturmhaube erkennt man halt auch nicht so toll wieder. Kennzeichnungspflicht gibt es ja in NRW nicht.

Man könnte das ewig fortführen. Fehlverhalten hat halt keine Konsequenzen. Ein unabhängige Beschwerdestelle gibt es nicht. Was mit Ermittlungen gegen Polizeibeamt*innen ist, versuche ich noch zu recherchieren.

Es ist dieses Gefühl von offener Feindschaft. Mitunter der Tonfall. Die Machtspielchen. Die Art, wie ich angesprochen werde auf der Straße. (Irgendwie weiß offenbar jede/r Polizist*in im Umkreis meinen Namen.) 

Das Problem ist: Da endet es nicht. Bei einer Staatsanwaltschaft, bei der ein Faustschlag frontal ins Gesicht (gegen Daniela Schneckenburger beim Überfall des Rathauses durch die Neonazis) als Notwehr gewertet wird und bei der Todesdrohungen auf Journalist*innen oder Angriffe auf Menschen von Antifaschist*innen fingiert sein könnten zur Diskreditierung von Neonazis, weiß man auch nicht wirklich weiter.

Ich habe kein abschließendes Fazit. Nur das zunehmende Gefühl, dass es viele Gründe gibt, auf antifaschistischen Selbstschutz mehr zu vertrauen als auf Sicherheitsbehörden. Während überall die Notwendigkeit von Zivilcourage betont wird gegen Neonazis, trifft diese Feindschaft und Ablehnung und die Kriminalisierung die Antifaschist*innen, die nicht nur weit weg Würstchen grillen und Symbolpolitik betreiben, sondern realen Bedrohungen nahezu täglich ausgesetzt sind. Das ist im Kern bitter und sehr traurig. 

Freiräume erkämpfen

“Ohne Liebe in mir werde ich Teil des Systems werden.”

Wir erinnern uns. Im letzten August war da in Dortmund eine ehemalige Kirche kurzzeitig besetzt

Der Traum vom sozialen Zentrum Avanti platzte aber nach nur wenigen Tagen durch die Räumung der Polizei. Die Kirche steht -trotz gegenteiliger Ankündigungen- immer noch leer herum und verfällt. Da wäre also bei entsprechendem politischen Willen eine Zwischennutzung bis zum Abriss leicht möglich gewesen. 

Aktuell läuft nun in Dortmund eine Freiraumwoche mit wiederum beeindruckendem Programm.

Gestern Abend beispielsweise war ein Vortrag über die Besetzungen damals in Dortmund, zum Beispiel den Heidehof.

Interessant bei den Diskussionen mit ehemaligen Besetzer*innen von damals und jungen Menschen heute: Die Bedürfnisse empfinde ich als ähnlich. Aber auch die im Film gezeigten Gegenargumente sind es. Die “Wir verhandeln nicht mit Besetzer*innen”-Attitüde. Die Reaktionen mit Räumungen durch Polizeikräfte. 

Ich verstehe und teile den Wunsch nach selbstverwalteten Räume und Strukturen. Ich möchte Schulen, die Menschen in Freiheit lernen lassen. Ohne Noten. Ohne Selektion. Mit Bibliotheken für alle Menschen. Kurse unterschiedlichster Art, in denen Menschen gegenseitig unterschiedlichste Fähigkeiten weitervermitteln. Kollektivbetriebe, die Arbeiten ohne Hierarchien ermöglichen. Wohnen in achtsamer Umgebung. Mit Menschen, die einander sein lassen und leben lassen und die respektvoll miteinander umgehen.

Nein. Ich weiß immer noch nicht, ob das für eine ganze Gesellschaft funktioniert. Aber wir können es im Kleinen versuchen. Und natürlich gibt spannende Literatur über Anarchie. Wer also weiterlesen mag, zum Beispiel hier.

Derletzt war ich in Rojava. Viel zu kurz, um deren Bemühungen und Initiativen beurteilen zu können. Unser Übersetzer sagte: “Vielleicht haben wir irgendwann mehr Demokratie als Deutschland.”

Zumindest klingt vieles spannend: Selbstverwaltung von Kommunen als Grundprinzip. Kollektive. Wahlen angestrebt für politische Repräsentanten. Immer eine weibliche Repräsentantin und ein männlicher Repräsentant. Frauenquoten. Gesetze werden von Fachleuten gemacht. Kommunen/Kollektive etc. können Finanzmittel/Land bei der Regierung beantragen. Viel Wert auf Bildung. Learning by doing. Es ist nicht unbedingt anarchistisch, aber vielleicht können wir daraus über Selbstverwaltung lernen.

Und was machen wir hier? Uns abschotten mit Verschärfungen des Asylrechts. Mit ordnungspolitischen Maßnahmen gegen jene, die anders leben wollen. Mit mehr Gesetzen. Mit mehr Repression. Mit Hartz IV und wieder mehr Gegängel.

Wir zerstören Menschen. Manche tun dies wissentlich. Manche durch Ignoranz (dazu zähle ich auch die, die Gewalt ausschließlich über brennende Polizeiautos definieren und die subtilen Formen der alltäglichen Gewalt ausblenden). Manche mit der Intention der Kontrolle über andere. Manche zur eigenen Bereicherung. Manche aus der Arroganz heraus, Menschen bräuchten Führung, von oben diktierte Regelungen. 

Was, wenn dem nicht so ist? 

Ich sehe es als Möglichkeit, mehr Freiräume zu erschaffen, um Menschen zu ermächtigen, selbstverantwortet über ihr Leben, Lernen, Lieben und Arbeiten entscheiden zu können. Damit tut sich der Staat aber schwer, denn selbstverwaltete Räume entziehen sich der Kontrolle. Manche Menschen möchten sich aber immer und immer wieder nicht damit abfinden. Man erkennt es in den alten und immer wiederkehrenden Hausbesetzungen. In den Kämpfen um alternative Lebensmöglichkeiten. In der Abkehr von kapitalistischen und auf Konkurrenz basierenden Denkmustern. 

Aber was leider am besten funktioniert als Kontrollinstrument über Menschen und Initiativen: Geld. Als der Faktor für Macht schlechthin.

Fehlende finanzielle Mittel verhindern den legalen Erwerb von Produktion, von Lebensräumen, halten Initiativen klein und Menschen in unbefriedigender Lohnarbeit gefangen und mitunter sinnfrei beschäftigt, verhindern Selbstorganisation von Refugees usw. Alternativen wie das Containern von Lebensmitteln werden kriminalisiert. Und wir, die wir vielleicht anders leben wollen und auch auch gar nicht so ganz wenige sind, haben es auch noch nicht geschafft, unsere finanziellen Mittel geschickter einzusetzen. Modelle für solidarisches Wirtschaften im Kleinen und Großen zu schaffen. 

Aber unsere Träume und Hoffnungen lassen sich nicht einsperren. Ich habe nicht für alles eine Lösung, nicht mal für mich und mein Leben, nicht mal in der Theorie, aber mir macht es zumindest Mut, dass die Initiativen vom Avanti und auch anderswo Menschen zusammenführt. Danke dafür.



Polizei und soziale Medien

Gestern -im Vorfeld des kommenden Neonaziaufmarsches- fiel der Polizei Dortmund nichts Besseres ein, als nun gerade einen Naziaccount bei Twitter zu retweeten.

Dieser Naziaccount ist gleich auf mehrfache Art auffällig. Die Symbolik des Bildes ist eindeutig. European Brotherhood kann man auch eindeutig zuordnen. 

Weiterhin stellt die Phrase im Accountnamen “Taten statt Worte” einen Bezug zum NSU her. 

Die Erklärung der Polizei erfolgte heute früh (nach der Kritik also sehr verzögert) und bisher nur sehr knapp via Twitter:

Diese Erklärung wirkt auf mich nicht glaubwürdig und wenig nachvollziehbar. Der entsprechende Account ist bei mir lange (wegen offensichtlich rechtsradikaler Inhalte) geblockt. Selbst, wenn das Bild geändert wurde, ist der sarkastische Ton (“mimimi”) auffällig. Zudem sind Follower und Timeline eindeutig. (Der Account ist nun geschützt, war dies aber gestern nicht.)

Insofern habe ich heute früh per Mail bei der Pressestelle der Polizei Dortmund um Erläuterung der Leitung der Pressestelle und der Behördenleitung  gebeten. Eine Antwort liegt bisher nicht vor. 

Update: Die Pressestelle der Polizei hat zumindest versucht, mich telefonisch zu erreichen. 

Update 2: Mittlerweile hat mich die Pressestelle erreicht und sich bei mir für den Retweet entschuldigt.

My short trip to Kurdistan

I’ll try to give a first short summary of my trip to Northern Iraq and Rojava/Northern Syria. In a few days I will be able to write more details.

I visited this area on the occasion of the International Women’s Day to learn more about the situation of women, especially kurdish women. Thanks to the women from Cenî and all the people who invited and accompanied us.

05.03. Flight to Sulaymaniyah together with a student/journalist from Berlin

06.03. Trip through Northern Iraq together with two kurdish women from Iran (I will decide later how many details I can give about these brave insprational women because their political activism is extremely dangerous for them. In Iran, the death penalty for offences is possible.)
In the evening (and after several passport controls all over the way through Northern Iraq) we arrived at the border to Syria. At Semalka the KDP affiliated forces told us that we were not allowed to cross the border at night. We met a group of women from Maxmur that night who also wanted to visit Rojava/canton Cizîre because of Women’s Day. Our driver hat to go back to Suleymaniyah and so we stayed in the little bus with the women from Maxmur for several hours. In the background the women from Sulaymaniyah and from Rojava try to speak to the authorities responsible for refusing the border crossing. http://www.jinha.com.tr/en/h/KDP_blocks_women%27s_delegation_from_going_to_Rojava

That night after several telephone calls we (16 women) slept in a very small room owened by a family in a town named Zakho. (I slept perhaps two hours.)

07.03. At the next day it took again several hours and interrogations till we finally were allowed to cross the border by ship. (They asked how we got together with the different groups of women (Germany, Iran, Maxmur travelling together)? What we want to do in Rojava? Why we are going there? What our jobs are? Over and over again…I probably will give more details later.) (The pontoon bridge is only open for some trucks which bring goods for humanitarian aid.)

While waiting at the border we took a look at some tents for refugees.

(null)

After we finally crossed the border we travelled to Qamişlo, where we stayed the night. 

08.03. In Qamişlo we met a man, who would become our interpreter for the next days. (He is the person, who has been in prison for some days together with Joakim Medin, the swedish journalist, in February.) First we went to the funeral of some YPG/YPJ fighters who had died fighting against IS.

(null)

Next we visited an office of Yekîtia Star (a womens organisation in Rojava).

(null)

After an interesting conversation about several topics, about their struggle to organize women and their achievements so far, we traveled to Amude to celebrate Womens Day.

(null)

(null)

On the way we took a short look at some ancient ruins near an academy (philosophy) for YPG/YPJ.
(I will write more about Yekîtia Star Organisation and the feminist struggle in Rojava in a separate essay.)
After some days it gets familiar to me that our driver has weapons in the car.

(null)

There are always people with weapons near us in Syria. Therefore I felt safe all the time. Interesting feeling. I never felt safe near people with weapons around me before. Here this became different. In this region there is the urgent need to be able to defend yourself or others. We also met several women and men with a past as guerilla fighters. We talked about killing people and what war does to people (especially women).
We stayed the night at some government building and filled the evening with conversations about their understanding and organisation of democracy so far. (I also will try to explain details later in a separate text.)

(To explain: Government in this case means government of Rojava. Nobody we meet there trusts the Syrian Government.)

09.03. We visited Newroz Refugee Camp.

(null)

(null)

After that we talked to a woman from the Rojova government ment, visited a cooperative and a womens academy (Rimelan).

(null)

(null)

10.03. Travel back to Sulaymaniyah (with also another short interrogation at the border). We passed the long time in the car discussing several topics with our friends from Iran, such as socialism, capitalism and feminism. They explained more about the situation of women in Iran, about circumcision, marriage under age, about suicide, women burning themselves (fire is holy), but also about the dangerous situation of homosexual and transsexual/transgender people in the Middle East.

11.03. I had to leave. Alone at the airport a bearded man whose flight is delayed like mine addressed me because I obviously looked european. He told me about his life as a homosexual muslim and that only parts of his family know about this. If I understand correctly his boyfriend is from the USA and he has lived together with him for a while. He is afraid of IS so much (people there name them Daesh, nobody uses IS) and so he sent his partner back. European friends invited him to Europe, but he loves his country and likes to stay there. He studies economics and speaks five languages. On the airport he also told me, he misses his friend so much and that he is on the way to see him again.

In the families we stayed with we always felt such a warm welcome.

(null)

But also I made this experience with this complete stranger at the airport of Suleymaniyah. I miss this kindness and openness and hospitality in Germany. (Back at Munich Airport I am kind of shocked about the people being so busy and cold-hearted.)

Please feel invited to ask any kinds of questions. I would also appreciate your message if you’d like to learn some more details about parts of my journey.

Kleine Anfragen

Hier die Antworten zu mehreren Anfragen an die Landesregierung:

1. Gewalt gegen wohnungslose und anderweitig sozial stigmatisierte Menschen

Hier fehlen die Zahlen für 2014. Da hake ich nochmal nach.

2. Antisemitische Straf- und Gewalttaten

3. Antimuslimische Straf- und Gewalttaten

4. Straf- und Gewalttaten gegen Geflüchtete

5. Rassistische Straf- und Gewalttaten

Gewalt. Find ich doof.

Ich stolperte heute über diese mehr oder minder hübsche Umfrage der Piraten Hessen.

Einige Piraten haben gerne den Ansatz, sich bei allerlei Anlässen von Gewalt distanzieren zu wollen. Das klingt dann oberflächlich fein. Im Grunde ist es aber vor allem blöd. Also auf dem Niveau von Viertklässlern. Natürlich ist Gewalt doof. Aber dieses polemische Distanzieren könnte genauso in einer konservativen Zeitung stehen. Es geht also um Stimmungsmache. Gerne gegen Linke. Oder gegen “die Antifa”. Aber das lassen wir hier mal am Rande stehen.

Man kann sich über Gewalt unterhalten. Aber dann muss man sich auch wenigstens die Mühe machen, Gewalt zu definieren. Ist Frontex Gewalt? Ist Abschiebung Gewalt? Ist der Ausschluss von Menschen Gewalt (“Bürger*innen”)? Ist Ausbeutung Gewalt? Was ist mit Austerität? Zwang? (Sei es in Schule, Uni, Arbeitsverhältnissen) Ist Herrschaft Gewalt? Was ist mit Diskrimierung? Prekariat? Mit dem, was Bourdieu als “Symbolische Gewalt” bezeichnete?

Es ist doch durchaus so, dass sich viele schlaue Menschen mit dem Thema beschäftigt haben. Orwell. Fried.

Nehmt, was ihr wollt. Aber bevor undifferenziert über Gewalt geredet wird, lest doch wenigstens mal etwas darüber.

Und nun sagen wir mal, am Ende kommen wir zu dem Schluss “Gewalt ist doof”. Was machen wir denn dann?

Zusehen? Betroffen sein? Wegschauen?

“Ihr wollt, dass eure triste Welt ein bißchen bunter wird, während irgendwo anders der Andere stirbt.” But Alive – Natalie

“Leute, die durch Geld und Kanonen vor der Wirklichkeit geschützt sind, hassen die Gewalt zu Recht und wollen nicht einsehen, daß sie Bestandteil der modernen Gesellschaft ist und daß ihre eigenen zarten Gefühle und Ansichten nur das Ergebnis sind von Ungerechtigkeit, gestützt durch Macht.” Orwell

Man kann über Gewalt nicht unpolitisch reden. Gewalt ist überall. Es ist also zutiefst politisch, welche Art von Gewalt man unterstützt und welche man bekämpft.

Kommunikation von Sicherheitsbehörden in NRW

Und noch eine Anfrage an die Landesregierung. Dabei geht es um die rechten Hools, die sich der Gedenkfeier zum Probsteigassenanschlag bedenklich nähern konnten sowie den Umgang der Behörden damit:

Kleine Anfrage zur Kommunikation zwischen Sicherheitsbehörden in Nordrhein- Westfalen betreffend reisende Gewalttäter

Ich schäme mich.

Ich bin sehr unsicher bei diesem Text. Zu schreiben über Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus, über Grauen, für das mir die Worte fehlen, beinhaltet mehr als jedes andere Thema immer die Gefahr, alles falsch machen zu können.

Ich möchte es dennoch versuchen, meinen persönlichen Umgang damit, damals als Schülerin, später als Lehrerin, als Tochter, als Enkelin.

Ich bin nicht mehr sicher, wie oft wir in meiner eigenen Schulzeit über die Thematik gesprochen haben. Ich erinnere mich an einen Geschichtslehrer, der die Zeit verklärend dargestellt hat. Und an den Lateinlehrer, der als Gegensatz, nicht verklärend, sondern sehr klar, über seine Zeit im Krieg erzählte. Aber woran ich mich auch erinnere: Das Thema hat mich emotional nicht ergriffen. Es war für mich weit weg. Ich habe als Schülerin nicht verstanden, was das eigentlich mit mir zu tun haben könnte.

Im Studium ist das eine Weile so geblieben. Gefühlt hatte jedes dritte Seminar irgendwie mit der Thematik Nationalsozialismus zu tun im Bereich Germanistik. Manchmal habe ich das als unnötig empfunden. Als anstrengend. Ich schäme mich dafür. Für meine Ignoranz.

Es hat in der Zeit viele Diskussionen gebraucht. Auch später noch. Mit Freund*innen, die damals politischer waren als ich. Über all die Zusammenhänge. Die Verantwortung, die wir heute und immer haben werden. Oder das, was Prof. Dr. Aly gestern bei der Gedenkfeier im Landtag NRW sagte. Die Erkenntnis, dass die Nazis in der Mitte der Gesellschaft waren. ‘Der Historiker betonte zugleich die Mitverantwortung der “allermeisten Deutschen”, die Profiteure der Enteignung von Juden gewesen seien, die angesichts der Verbrechen stillgehalten hätten und nach dem Krieg “aus tiefer Überzeugung” behauptet hätten: “Das haben wir nicht gewusst!”‘

Heute weiß ich, dass es niemals einen Schlussstrich geben darf. Dass wir uns immer erinnern müssen. Dass wir entsprechend handeln müssen. Dass wir Antifaschismus brauchen. Täglich. Überall. Aber als ich jung war, war mir das in dieser Deutlichkeit nicht klar.

Ich habe später, als ich dann Lehrerin war, viel darüber nachgedacht, wie man sich angemessen mit Schüler*innen mit der Thematik beschäftigen kann. Für mich geht es dabei darum, wann es einen betrifft. Wann Empathie entsteht. Wann etwas Emotionen auslöst. Schüler*innen haben so viele andere Themen, die sie beschäftigen. Wie geht man damit um? Ich habe nicht die eine Lösung gefunden.

Ich habe viele Wege versucht. Man analysiert Gedichte. Reden aus der Zeit. Man liest Romane. Man diskutiert. Aber im Grunde ist das nichts, was betroffen macht. Es berührt einen nicht. Man kann es zu leicht wegschieben. Vielleicht kann ich das aus meiner eigenen Zeit als Schülerin sogar verstehen. Das hat aber noch eine andere Komponente: Wenn man sich einmal ausführlicher damit beschäftigt, so dass es einen betrifft, ändert sich alles. Man kann dann nicht mehr darüber reden ohne Emotionen. Das Gefühl, mit dem Ausmaß nicht klarzukommen. Das geht vielleicht nie mehr weg. Das Gefühl, Tränen herunterschlucken zu müssen. Wenn man Bilder sieht. Oder Filme. Und dann bleibt dieser Kloß im Hals auch bei Texten. Für immer.

Das, was wir manchmal bei Menschen verurteilen, die unangemessene Bilder vom Besuch im KZ machen. Oder die fehlende Bereitschaft, das Gedenken aufrecht zu halten. Ich weiß nicht, wie viel davon auch das unsichere Gefühl ist, dass man nicht damit fertig wird, wenn man es an sich heranlässt.

Mit meiner Mutter habe ich sehr spät überhaupt erst darüber geredet. Sie war damals Kind. Mit meinen Großeltern habe ich nie darüber gesprochen. Sie sind relativ früh gestorben. Heute würde ich sie so vieles fragen wollen. Meine Oma hatte eine jüdische Freundin. Die Freundin ist im KZ gestorben. Wie viel wird darüber wohl in anderen Familien gesprochen?

Mit Schüler*innen spricht man dann auch über Widerstand. Manchmal am Beispiel der jungen Menschen, die dafür gestorben sind. Die Geschwister Scholl. Schüler*innen fragen sich dann durchaus, wie sie handeln würden. Ob sie mutig genug wären, für ihre Überzeugungen zu sterben. Schwierige Fragen. Und auch recht theoretisch. Wie viel leichter ist es, wegzusehen, nichts zu sagen? Heute. So im Alltag. Bei Rassismus. Bei Antisemitismus.

“Keiner weiß letztlich, wozu er fähig ist, keiner von uns. Woher solltest du auch wissen, was du tun würdest, um am Leben zu bleiben, bis man dich das wirklich fragt?” (Film. “Die Grauzone”)

Es gab ein Erlebnis mit Schüler*innen, was mich lange beschäftigt hat. Ein Freund hatte mir den Film “Die Grauzone”empfohlen. Ich habe den Fehler gemacht, nur kurz reingesehen zu haben vorab. Ich war unvorbereitet, als ich den Film das erste Mal am Ende einer Reihe über Nationalsozialismus mit Schüler*innen geguckt habe. Das war mit einer Klasse, zu der ich wenig emotionale Bindung hatte. Deutsch Grundkurs. Einige, die immer mal mit Papa gedroht haben, der Jurist war. Und welche, die lieber Fingernägel lackiert haben im Unterricht. Zu Beginn des Films war dann auch so Popcornstimmung. Toll, Film gucken. Ist dann nicht so langweilig wie sonst. Und im Laufe des Films änderte sich die Stimmung. Bei mir. Bei den Schüler*innen. Der Film endete mit der sechsten Stunde. Es klingelte. Die Schüler*innen hatten frei danach. Der Abspann lief. Sonst: Stille. Nichts. Kein Taschenrascheln. Paralysiert. Ich auch. Ringen um Fassung. Irgendwas sagen wollen. Nicht können. Ich hatte 45 Minuten Rückfahrt mit dem Auto. Ich habe bis Zuhause geheult. Nicht leise geweint. Sondern schluchzend und zitternd geheult.

Den Film habe ich irgendwann nochmal mit Schüler*innen geguckt. Dann allerdings besser vorbereitet. Der Klasse habe ich vorher sehr ehrlich gesagt, wie ich beim ersten Mal darauf reagiert habe. Und wir konnten dann darüber reden. Vorher und nachher. Und bei der Klasse waren die Gefühle ok untereinander. Zu weinen bei einem Film. Darüber reden zu können, was das mit einem macht.

Ich habe keine Lösung, kein Rezept als Lehrerin, keins als Mensch. Mein Gefühl sagt mir, dass man der Thematik nicht gerecht wird mit rein sachlicher Herangehensweise. Vielleicht kann man es versuchen, wenn man selber Schüler*innen gegenüber zugeben kann, dass man selber hadert, zweifelt, weint, ohnmächtig und hilflos ist.