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Auf dem Weg zum Assistenzhund?

(Oder doch nicht?)

Das ist die Hündin, die ich mir seit über einem Jahr mit meinem Mitbewohner teile:

Sie ist ein Ca de Bestiar (ein mallorquinischer Schäferhund). Ob Mix oder reinrassig wissen wir nicht. (Der Vater hat sich vermutlich einfach unerkannt aus dem Staub gemacht.) Sie wurde uns vom Tierschutz vermittelt, da die Familie, die sie von Mallorca mitgebracht hatte, nicht genug Zeit für sie hatte.

Ursprünglich suchte ich einen Hund, welcher Assistenzhund für mich werden sollte. Jess ist dafür aufgrund ihrer Rasse aber wohl nur bedingt geeignet. Der Rasse sagt man Mut und Unabhängigkeit nach und einen starken Schutztrieb. Zumindest fehlt da schlicht der „will to please“, den zum Beispiel Labradöre haben. Sie mag aber rasseuntypisch erst einmal sehr überschwänglich alle fremden Menschen und Hunde. (Auch das kann natürlich recht anstrengend sein.) Als mich irgendwann letztes Jahr drei Typen auf dem Abendspaziergang dumm angequatscht haben, hat sie aber durchaus sehr beeindruckend geknurrt.

Aber wie auch immer sich das entwickelt: Wir waren nun zum ersten Mal ein paar Tage alleine (ohne meinen Mitbewohner) unterwegs und viel hat besser geklappt, als erwartet.

Das erste halbe Jahr war Jess viel krank. Giardien. Mehrfach. Eine Magen-Darm-Empfindlichkeit ist geblieben. Eine Augen-OP war nötig. Ich war oft auch wegen ihres ungestümen Wesens und der nicht unerheblichen Lust, zu jagen, mit den Nerven völlig fertig und hatte auch den Gedanken, den Hund wieder abzugeben. (Wir erinnern uns, als sie mich im Park mit Schleppleine einfach mal umgerissen hat, um Gänse zu jagen und ich laut fluchend und heulend durch den halben Park hinter ihr her musste (kein Tier wurde verletzt).) Ich bin sehr froh, dass mein Mitbewohner und ich uns das alles teilen. Alleine könnte ich das aus unterschiedlichen Gründen einfach nicht.

Auch neigen mallorquinische Schäferhunde wohl mehr als andere Rassen zu Reizüberflutung. Da muss ich allerdings sagen, dass durch Übung schon sehr viel möglich ist zumindest mit diesem Hund. Mittlerweile fährt sie (unter Protest, weil langweilig) U-Bahn/S-Bahn. (Keine Ahnung, ob Tiere und Menschen nicht aber auch generell Reizüberflutung eher nur dulden und nicht per se toll finden und wir uns nur alle irgendwie notgedrungen daran gewöhnt haben.)

Fernzüge hingegen sind richtig entspannt mit ihr. Da schläft sie vorwiegend. (Hamburg und Berlin Hauptbahnhof haben wir nun mittlerweile auch schon zusammen gesehen und überstanden.)

Diese kleine Reise hat uns ganz gut getan. Ich traue mir und dem Hund viel mehr zu. <3

Vielleicht schreibe ich ab und an mal über unsere weitere Entwicklung als Team. Hier geht es zu meinen Überlegungen zum Umgang mit Hunden. (Teaser: Ich hadere da auch mit Menschen aus der „linken“ Szene ob des möglicherweise autoritären Handelns gegenüber Hunden.)

Geschlechtergerechte Sprache und Barrierefreiheit

Nach wie vor gibt es auch in sozialen Medien (zum Teil sehr aggressiv geführte) Diskussionen, ob und wie man Sprache möglichst diskriminierungsarm gestalten könne.

Bei vielen beliebt ist das sogenannte Gendersternchen (wie in Lehrer*innen).

Hierbei wird verbesserte Sichtbarkeit von Frauen ebenso erzielt wie das Bedürfnis nach nicht-binären Bezeichnungen. Klingt doch erst einmal einleuchtend und gut. So einfach ist es dann aber auch wieder nicht:

Kritisiert wird dies auch von Menschen mit Autismus, für die teilweise aufgrund dessen das Lesen von Texten, in denen Gendersternchen verwendet werden, sehr mühsam ist. Sie empfinden einen solchen Text nicht als barrierefrei. Diese Einschätzung war mir bis vor kurzem so gar nicht bewusst, muss ich gestehen.

Im Diskussionen in sozialen Medien resultiert aus den nun unterschiedlichen oder sogar konträren Bedürfnissen unterschiedlicher Menschen nun mitunter das Gegeneinanderausspielen der Forderungen/Bedürfnissen von unterschiedlichen marginalisierten Gruppen. Wonach könnte nun abgewogen werden, wessen Bedürfnisse in welcher Form priorisiert werden? Oder welche Kompromissmöglichkeiten könnte es geben? (Zwischengedanke: Im Idealfall bin ich große Anhängerin von Konsensentscheidungen. Wie könnte hier ein Konsens aussehen?)

Als weiteres Argument bezüglich von fehlender Barrierefreiheit bei der Verwendung des Gendersternchens wird auch manchmal auf die Technik von Screenreadern/Vorlesefunktionen für Blinde und Sehbehinderte verwiesen. Diese Technik ist vom Hersteller/Betriebssystem etc. abhängig und insofern unterschiedlich in Bedien- und Einstellmöglichkeiten.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Apple mehr Einstellmöglichkeiten bietet, was Bedienhilfen angeht. So kann man Emojis/Sonderzeichen je nach Bedarf ignorieren oder mitlesen lassen.

Android ist diesbezüglich weniger flexibel. (Es hat durchaus Gründe, dass viele Menschen mit Behinderungen aufgrund der guten Ansätze zu Accessibility Apple-Geräte bevorzugen.)

Man könnte auf Varianten mit Doppelpunkt ausweichen (wie in Lehrer:innen). Viele Screenreader lesen hier eine kleine Pause.

Grundsätzlich sollte aber programmierbar sein, wie flexibel man Technik zum Vorlesen konfigurieren kann. (Die Chance, dass das Standard wird, steigt vermutlich auch mit Standardisierung unterschiedlicher Möglichkeiten geschlechtergerechter Sprache.)

Wie also kommt man nun weiter in dieser Angelegenheit mit unterschiedlichen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen?

Als Kompromiss lassen sich vielfach neutrale Formen finden: Lehrende/Studierende etc. Leider funktioniert dies aber nicht immer und zB nicht für alle benötigten Berufsbezeichnungen etc. Gibt es hier andere Ansätze, die nicht beim generischen Maskulinum stehenbleiben? (Ich persönlich stolpere lesend über Texte mit generischem Maskulinum, weil ich „mitgemeint“ nicht ausreichend finde und mir bei Texten, die ich selber schreibe, wichtig ist, alle Menschen gleichermaßen zu adressieren. Da sehe ich also keine Lösung, aber vielleicht habt ihr bessere Ideen?)

Grundsätzlich würde ich mir Solidarität wünschen oder zumindest kein unsolidarisches Verhalten/ unsolidarische/antifeministische Äußerungen, selbst wenn man mit geschlechtergerechter Sprache Probleme beim Lesen hat.

Unterschiedliche Formen von Behinderungen/Bedürfnissen bei marginalisierten Menschen sollten eigentlich dazu führen, dass man versucht, die jeweilige Benachteiligung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern vermehrt Verständnis füreinander lebt. Am Ende kommen wir nicht zu einer besseren Gesellschaft, wenn alle sich in ihre Kämpfe aufsplittern und auseinanderdividieren lassen. (Vielleicht eine Selbstverständlichkeit, aber Solidarität setzt für mich die grundsätzliche Bereitschaft voraus, Diskriminierung vermeiden zu wollen. Dazu gehört natürlich entsprechend das Ablehnen von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und andere Formen von Diskriminierung.)