Über Identifikation, Norm und Verantwortung (und Anzüge)

„We are not afraid. We do not obey.“ ZSK – We will stop you

Gestern, noch so im Halbschlaf wagte ich einen provokativen Tweet:

„Männer in Anzügen sind mir zumeist suspekt. Symbol des kapitalistischen Systems. Fassade.“

Manchmal ist diese Twitter-Welt spannend. Ein Tweet und ihr habt den ganzen Sonntag diskutiert. Gern geschehen.

Es waren übrigens auch ganz viele spannende Ansätze dabei.

Im Grunde geht es um Normen. Mir ist suspekt, was eine Gesellschaft als „normal“ oder „richtig“ definiert. Die Anzugträger sind also nur ein mögliches Beispiel. Jemand mit blauen Haaren und tätowierten Armen wird wohl auch nicht als „Norm“ angesehen, wenn er einen Anzug trägt.

Problematisch wird es, wenn Normen Eintritts- oder Ausschlusskriterium sind. Weil jemand bestimmte Kleidung tragen „muss“, um anerkannt zu werden. Wenn sie/er sich das nicht leisten kann. Dem „Anzugzwang“ kann sich dann jemand in bestimmten Branchen erst entziehen, wenn sie/er relativ hoch gekommen ist in der Karriereleiter.
Bricht jemand dann noch die Regeln oder profitiert jemand dann von den Normen, so dass sie/er das Durchsetzen der Regeln eher fortführt gegen andere Menschen?

Wichtige Fragen, die sonst noch via Twitter diskutiert wurden:
Ist das Tragen bestimmter Kleidung auch Unterwerfungsgeste?
Ist eine „Uniform“ eine Möglichkeit, sich individueller Verantwortung zu entziehen?

Wenn ich einen bestimmten Dresscode für mich annehme, werde ich zudem in der Öffentlichkeit bei einer zufälligen Begegnung mit Menschen, die mich nicht kennen, einer bestimmten Gruppierung zugeordnet.

Problematisch wird es m.E. (und das übrigens auch bei Piraten), wenn irgendwelche Normen (manchmal nicht einmal ausformulierte) mit zum Teil erschreckender Brutalität durchgesetzt werden sollen. Ich bin nicht sicher, ob es bei Parteien oder Gruppierungen dabei manchmal auch um sowas wie Überidentifikation geht (gerade jetzt so kurz vor den Wahlen scheint das schlimmer). Mir machen aber auch Fahnenmeere auf Demos Angst. Sowas ist mir auch suspekt.

Das mit dem Kapitalismus und dem Patriarchat lasse ich an der Stelle jetzt mal weg, aber auch da gibt es Mechanismen, um Normen durchzusetzen und Macht zu erhalten. Und manchmal hat das auch mit Kleidung zu tun….

So. Weitermachen!

(Danke an Prof. Dr. Melanie Groß (www.twitter.com/melanie_gross), die großartige Vorträge hält, zum Beispiel über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ etc., deren Aussagen mich bei diesem Text auch beeinflusst haben.)

10 Gedanken zu „Über Identifikation, Norm und Verantwortung (und Anzüge)

  1. Sekundenkleber

    Mag alles sein was da steht. In Teilen vielleicht sogar richtig. Eines hast du jedoch vergessen. Das Wörtchen Respekt! Respekt einer Institution gegenüber, nicht zuletzt sitzt du ja im Landtag. Oder Respekt an das Auge des „zu dir kommenden“ oder ähnliches. Wenn die Haare schon blau gefärbt sind, so kann man sich durchaus „vernünftig“ anziehen. Also den Ausdruck von Respekt der Person gegenüber erzeugen. Im Öko-Schluff ist das nicht möglich (was auch gut so ist).

    Wenn mir jemand in Adidas-Klamotten als Bankangestellter oder Verkäufer oder sonst wie gegenüber treten würde, mit Respekt meiner Person gegenüber, hat das wenig zu tun.

    Wäre es schon ein Affront dir gegenüber, wenn man von dir mal farbige Klamotten statt des schwarzen Einerlei fordern würde? Am Typ Kleidung müsste man dazu nicht viel ändern.

    1. Birgit Rydlewski Artikelautor

      Aber nochmal ein paar Sätze mehr:

      Ich halte es für ein Problem, Respekt an Kleidung zu knüpfen. Ich knüpfe Respekt lieber an Haltung. An Werte. Menschen können Anzüge tragen und noch so böse sein. Es sagt nichts aus über einen Menschen oder den Charakter. Es sagt nur aus, dass jemand gelernt hat, „mitzuspielen“.

      (Wobei ich durchaus Anzüge auch stilvoll finden kann. Aber das alleine sagt halt gar nichts.)

      1. Sekundenkleber

        Ja die persönliche Haltung. Das ist schon so ein Kreuz damit. Man hat natürlich ständig Zeit die persönliche Haltung mir gegenüber zuerst per Fragebogen und persönlichem Gespräch zu erörtern. Erst nach dieser Prozedur wird sich herausstellen, ob mich diese Person respektiert oder nicht, ob ich mit dieser zu tun haben möchte oder nicht.

        Ich bevorzuge kurze Wege. Dazu gehört dann auch ob eine Person einigermaßen vernünftig aussieht und sich der Situation geeignet gekleidet hat. Es geht einfach nur um Neutralität. Und ja, es sind nur Äußerlichkeiten, nach denen ich dann eine Bewertung vornehme. Und nein, anhand vom diversen Umwelt/Aktivisten/etc.-Buttons, hat keine Person einen Vorteil. Sagen diese doch nichts über die Persönlichkeit aus sondern nur etwas über deren politische Vorstellung. Und diese sind mir bei einem Geschäft schlichtweg egal. Ich möchte nicht mit geistigen Einstellungen verwirrt werden.

        Wenn ich Politik kaufen möchte, gehe ich wählen.

        Für dich ist es ein Problem, Respekt an Kleidung zu knüpfen. Nun, ich mag vielleicht altmodisch sein, ich liebe Knigge, hat er doch als einzige Institution etwas beständiges in dieser Gesellschaft. Es gibt nun mal Regeln, die ein zusammenleben definieren. Und dazu gehört an gewissen Stellen dann eben auch eine förmliche Uniformität.

        Es gibt wichtigeres in und an dieser Gesellschaft zu verändern, als dass diese Problematik so wichtig wäre. Es gibt Dinge an die man sich, zum Glück, halten, nach denen man sich richten muss. Denn letztlich zeugt genau diese Haltung, wie viel Kompromissfähigkeit man von der betreffenden Person erwarten darf. Denn wenn es schon an dem Stück Kleidung hakt, wie sieht es dann mit ganz anderen Dingen aus? Den Grundlegenden? 😉

        Im übrigen, um die Sache mal umzukehren. Mir sind die in grünem Öko-Umhang und Bastschuhen gewandeten, mit Dreadlock bewaffneten Leute auch suspekt. Soll heißen, keiner kann sich an der Stelle wohl frei machen von einer gewissen Voreingenommenheit. Nur ist diese Art von Bekleidung eben nicht Stand der Dinge, die „Norm“, um es mal etwas flapsig auszudrücken. 😉

        1. Birgit Rydlewski Artikelautor

          Kann ich weitgehend nachvollziehen.

          Gunter Dueck hat mal zu mir gesagt, man könne nicht Form (also in dem Fall Kleidung) und Inhalt gleichzeitig verändern. Das ist vermutlich so. Ich bin nur immer zu ungeduldig… Und will vielleicht manchmal zu viel auf einmal…

  2. Daniel Lücking

    Aus Gründen lehne ich Uniformität ab, wo sie auftaucht und nur zur Machtausübung zum eingesetzt wird.

    Trotzdem denke ich , dass bestimmte Berufsgruppen nicht auf Uniformen verzichten können (Sanitäter, Sicherheitspersonal, Soldaten), weil der ordnende Aspekt besonders in Extremsituationen hilfreich ist.

    Einen vernünftigen Grund, warum im beruflichen Alltag diese Art von Gleichschaltung (immer noch) praktiziert wird, kann ich nicht erkennen. Besonders nicht bei Politikern oder Bänkern.

    Das sich die Diskussion am Anzug aufhängt ist eigentlich falsch – es geht schlicht um Macht und deren Symbole. Insofern stößt mir ein Flaggenmeer auch nur dann auf, wenn es sich auf eine Flagge (gleich eine Richtung) reduziert. Bei der Freiheit statt Angst empfand ich es nicht als störend, weil mehrere Parteien vertreten waren und die Mengenverhältnisse auch teilweise wiederspiegelten, welchen Stellenwert das Thema in den jeweiligen Wahlprogrammen hat.

    Ob man natürlich diesen Programmen glaubt, welcher Partei man glaubt, ist jedem selbst überlassen. Auch, ob man nur Mitläufer sein will oder sich in der Rolle des Akteurs wohler fühlt.

    Fazit:
    Immer dann einschreiten, wenn Macht & Symbole missbraucht werden.

  3. Pingback: Was so an einem Sonntag diskutiert wird: Das #anzuggate | Popcorn Piraten

  4. marc

    ich kann die überlegungen gut nachvollziehen. und mir ist da auch oft einiges suspekt. und dann stelle ich immer wieder fest, dass man sich selbst anpasst mit der kleidung und das ich es auch seltsam fände, wenn ich in der bank einen berater mit sichtbar tätowierten armen im muskelshirt, gesichtspiercings, kurzer hose und nem blauen iro sehen würde.

    ich orientiere mich eben an normen, wie es sehr viele von uns tun. und mir würde es auch den reiz an genau diesem look nehmen, denn ich verknüpfe ihn mit revolution oder rebellion…und hinter dem schalter der bank fände ich das unangemessen so auszusehen. das entwertet die revolution 😉

  5. Lumax

    Ich hänge gerne mit Punks rum. Diese ehrliche Toleranz und Menschlichkeit, im Gegensatz zu der sogenannten Antifa, beindruckt mich immer wieder. Jeder wird akzeptiert. Würde mich eigentlich auch selbst als solcher bezeichnen, obwohl Frau Rydlewsky mich nach meinem Äüsseren wohl eher zum suspekten Kapitalismus zählen würde, oder bestenfalls zu den „Normalos“ (was für ein Begriff!) .Mir fällt nur auf, egal ob in Berlin, London, Basel, Bologna, Kopenhagen oder Wien… meine Punkkumpels sehen eigentlich alle gleich aus. Warum? Ist es der natürliche Wunsch der Menschen, dass, wenn sie sich vom Konformitätszwang befreit kaputte Lederklamotten und Hahnenkamm zu tragen? Oder aber, sind die Ein- und Auschlusskriterien und der Anpassungsdruck im Grunde doch der Gleiche wie in jeder „Peergroup“. Auf meine Nachfrage hat dann ein „Oberpunk“ mit Augenzwinkern gemeint „Jaaaa det is halt unsre Nonkonformistenuniform“… sehr treffend 🙂

  6. Psi

    Mein Vater trägt Anzug, seit ich denken kann. Im Büro, zum Essen, beim Renovieren, sonntags, am Strand.

    Zum einen, weil es ihm optisch gefällt und er sich nach eigenen Aussagen darin ‚gut angezogen‘ fühlt, zum anderen, weil er erfahrungsgemäß in keiner denkbaren Situation dafür kritisiert oder ausgegrenzt wird – belächelt vielleicht, bei 30° zwischen Touristen in Hawaiihemden, aber doch akzeptiert. Ich habe mich daran gewöhnt und störe mich nicht weiter daran, im Gegenteil, ich muss gestehen, seine modische Laune in Form eines rosa Polohemdes habe ich ihm vermutlich durch anhaltende mehr oder weniger humoristische Kommentare madig gemacht (damit war ich übrigens nicht allein; seine Lebensgefährtin und meine Mutter hielten es ähnlich). Rosa trägt er in Folge dessen nicht mehr.

    Ich selbst bin modisch eher unangepasst, habe mich zeitweise recht passioniert schwarz (bzw gruftig) gekleidet. Ähnlich konsequent wie mein Vater – in der Schule, zu Hause, im Urlaub, auf dem Golfplatz, im Luxushotel. Dass meinem Vater mein Stil nicht unbedingt gefällt, habe ich nur erfahren, wenn ich ihn darauf angesprochen habe – er machte aber deutlich, dass er meine Kleidung akzeptiert und bereit ist, in jedem Outfit mit mir überall hin zu gehen. Zum Geburtstag bekam ich sogar mal eine Karte mit einem Kaninchen, dass im Leoparden-Pelz vorm Spiegel steht und dem handschriftlichen Untertitel ‚Egal, was du an hast…‘

    Die Message? Keine besondere. Ich habe selbst eine deutliche Schwäche in der Gesichtserkennung und Menschen in einheitlicher Kleidung – Männer im schwarzen Anzug, junge Frauen in Jeans mit blonden Haaren, etc – verschwimmen für mich gedanklich schnell zu einer stereotypen Person. Ich beurteile Menschen mit nach ihrem Erscheinungsbild, auch wenn ich – zumindest – nicht stolz darauf bin. Vielleicht ist es menschlich gar nicht wirklich möglich, die Macht eines ersten, optischen Eindrucks auf die Urteilsbildung so ganz zu entkräften. Vielleicht ist es utopisch, das Konzept der Urteilsbildung als solcher völlig abzulehnen. Möglicherweise reicht es schon, wenn wir uns bewusst machen, dass und wie leicht wir urteilen und beurteilt werden, und uns Gedanken darüber machen, wie wir damit umgehen wollen.

    …ich stelle btw nicht in Frage, dass du das tust und habe auch das einschränkende ‚zumeist‘ und den selbstkritischen Unterton in deinem Tweet zur Kenntnis genommen. Die Szenerie da oben ist einfach das Erste, was mir zum Thema Anzugträger einfällt.

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