Dahin gehen, wo es weh tut oder die Legitimation entziehen?

Nach dem 29c3 wollte ich -aus Gründen- nie wieder zu einem CCC-Kongress.

Feminismus – sehr schwierig und konfliktreich bis zu sehr persönlichen Angriffen
Antifa – gefühlt nicht anwesend
Anarchismus – kein Thema

Und nach dem letzten Jahr für einen kurzen Besuch mit Tagesticket nun doch nochmal die Teilnahme an einem ganzen Kongress. Als Versuch quasi. Mein (sehr subjektiver) Eindruck in Kürze:

Es wird besser. Das politische Zeichen einer Newcomerin als Keynote-Speakerin (@fatumamuusa präferiert diesen Begriff anstatt Refugee.)

Ich habe von ihr einen Workshop zu Empowerment besucht, den ich vor allem wegen der interessierten, warmen Worte der anwesenden Menschen dort in Vorstellungsrunde und Diskussion als sehr bereichernd empfunden habe. 

Aufhänger für meine jetzt im Nachhinein dann doch recht grüblerische Stimmung ist dieser Tweet von @tante (den ich sehr schätze und den Einwurf entsprechend sehr ernst nehme):

  

Und nun weiß ich einfach nicht recht, wie ich das für mich einordne. Ich kann nur Bruchstücke des Kongresses bewerten. Ich habe mich viel im Umfeld der Wohlfühlblase bewegt. Wir/ich haben/habe viele Diskussionen geführt mit Menschen, die zum Anarchist Assembly kamen. Auch mit Menschen ohne Vorkenntnisse, die halt wissen wollen, was eigentlich „die Antifa“ ist. (Finde ich übrigens super, wenn Menschen kommen und gerne auch ganz naiv fragen aufgrund der aufgehängten Fahne „Antifaschistische Aktion“.) Klar. Da waren auch die bei, die gleich mal einsteigen mit „Ah. Ihr seid die, die die Steine schmeißen.“ (Schwer zu sagen, wie viel dann Scherz ist.) Aber auch über Militanz kann und muss und wird man halt immer wieder diskutieren. Und natürlich gab es auch Diskussionen über Definition der Bezeichnung „Nazi“ und Meinungsfreiheit…

Diskussionen über Anarchismus waren dann eher längere Gespräche, durchaus mit viel Interesse und unterschiedlichem Komplexitätsgrad. Was Anarchismus bedeutet. Und darüber, wie bereichernd Beziehungen sind und Zusammenarbeit ist, wenn sie wirklich auf Freiwilligkeit beruhen/t. Ob dies auf eine Gesellschaft übertragbar ist. Ob das lebbar ist. Welche Hierarchien es gibt. Welche Widersprüche es gibt. (Und da bin ich wandelndes Beispiel mit Job und Ideal….)

(Dass (junge) Menschen wieder Kropotkin lesen wollen, hätte ich jedenfalls nicht erwartet.)

Ich bin nicht sicher, ob es diese Diskussionen so vor einigen Jahren schon in dieser Ausprägung gab. 

Allerdings lässt das keine Schlüsse über den gesamten Kongress zu. Die von @tante erwähnten Menschen mit derartigen Einstellungen kommen vermutlich nicht zu einem Assembly mit prominent aufgehängter Antifa-Fahne. 

Aber zurück zu meinen Eindrücken: Beim Treffen der Queer Feminist Geeks am 1. Kongresstag waren ca. 110 Menschen. Das ist auf die gesamte Anzahl Kongressbesucher*innen geschaut relativ wenig, aber angesichts der vielen gleichzeitig verlaufenden Veranstaltungen und Ablenkungen doch wiederum sehr erfreulich. Für mich ein wenig schade ist, dass ich mich zu dem Assembly nicht so recht hingetraut habe. (Das mag aber an mir und aktueller emotionaler Verfassung liegen, nicht am Assembly.)
Bis hin zu den kleinen Dingen. Unisex-Toiletten, die nach meinem Eindruck unkompliziert funktionierten. Überhaupt hatte ich oft -gerade auch von männlich wahrnehmbaren Menschen- das Gefühl, von sehr rücksichtsvollem, aufmerksamen, hilfsbereiten Umgang. Das ist mir sehr viel häufiger aufgefallen, als früher ™. Danke für all diese positiven Begegnungen.

Aktuell tendiere ich also dazu, nächstes Jahr wieder hinzufahren, weil ich hoffe, dass all die geführten Diskussionen helfen, Menschen zu erreichen, die sich sonst eben nicht mit obigen Themen beschäftigen. Und weil ich dort (jetzt wieder) die Hoffnung für Weiterentwicklung in emanzipatorische Richtung habe.

6 Gedanken zu „Dahin gehen, wo es weh tut oder die Legitimation entziehen?

  1. Korrupt

    Ich setze mich gern mit tante auseinander, grade, weil ich oft nicht seiner Meinung bin und geneigt, anderen Wahrnehmung gerade auch platz zu geben. Ich fand ebendiesen Tweet selten dämlich und nach erlebtem 32c3 allenfalls noch lächerlich. Meine persönliche Wahrnehmung. natürlich hingehen. Wer es angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre lässt, lässts eben, weil man sich eine Ansammlung von 12.000 feinen Menschen dadurch vermiesen lassen *will*, dass fefe halt auch da ist. Mit dieser Einstellung kann man sich nicht nur den Congress schenken, sondern generell die Haustür zumauern.
    Im Übrigen halte ich es fürs ziemlich allerletzte, gerade die Leute, die hier viel viel bewegen, in Sippenhaft zu nehmen und grade denen ein schlechtes Gewissen zu machen, die was tun und zum besseren verändern. Ich seh da schmale Grate zwischen konstruktiver Kritik und wohlfeiler Selbstgerechtigkeit und überlasse es den Augen der Betrachtenden zu entscheiden, wer da grade in welche Richtungen drübergeht. ..

  2. Pingback: 32C3: Farewell and thanks for all the fish

  3. Toso

    Jede Veranstaltung mit mehr als 1 Mensch wird sehr unterschiedliche „Meinungen“ und Einstellungen widerspiegeln. Und du willst da in der Wahrnehmung von außen nicht in einen Topf geworfen werden und nicht als Anstrich herhalten, dass eigentlich doch alles gut ist. Und bei der diesmaligen Veranstaltung schien es, aus deiner Sicht, besser zu sein, als in deiner Wahrnehmung der letzten Veranstaltungen. Deine Frage: Liegt es an deiner Wahrnehmung oder ändern sich die Einstellungen und „Meinungen“ der Teilnehmer tatsächlich?
    Solange man da keine Auswertung dazu macht, wird Mensch das nicht beantworten können. Du kannst nur weiter, ebenfalls subjektive, Wahrnehmungen sammeln. Solange man sich aber „nur“ in seiner Wohlfühlblase aufhält (und das tun wir doch alle am liebsten, der Mensch strebt halt nach Anerkennung im sozialen Umfeld), wird Mensch nur dann eine Veränderung feststellen, wenn die Menschen, die diese Blase bilden überproportional viel oder wenig/gar nicht an der Veranstaltung teilnehmen (Abstimmung mit den Füßen). Oder halt eine möglichst groß angelegte Umfrage und Auswertung auf der Veranstaltung. Was ich, gerade auf dieser Veranstaltung, für extrem schwierig bis undurchführbar halte.
    Wenn es, wie Tante und Korrupt betonen, einen Vertreter (quasi eine Verkörperung) der „Gegenseite“ handelt (hier Fefe), wäre es doch spannend bei der nächsten Veranstaltung genau dazu eine Diskussionsrunde zu machen. Mit einem/einer Vetreter/Vertreterin der „Gleichstellungsseite“ und Fefe. Dazu eine „robuste“ Moderation. Dann kann man anhand der Diskussion auf dem Podium, aber sicher noch mehr an der Reaktion der Veranstaltungsbesucher wohl eher sehen, wie die Einstellung/“Meinung“ der „Community“ denn so ist.
    Allein schon die Diskussionen im Vorfeld, ob man so eine Podiumsdiskussion überhaupt machen sollte, wäre wahrscheinlich interessant zu beobachten. 🙂
    Aber ich bin mir nicht sicher, obe überhaupt eine der beiden „Seiten“, geschweige denn Beide, so eine Konfrontation wollen.

  4. Korrupt

    Um nicht missverstanden zu werden: fefe ist ein Beispiel und die Reduktion auf ihn eine Vereinfachung, mein Standpunkt ist aber schon der, dass es sich an a) Einzelpersonen konkret festmacht und b) die „Verallgemeinerung“ der Kritik eben das unterstellt unhinterfragte Gutfinden/Glorifizieren der genannten ist, sei es nun Fefe, Assange oder Snowden. Ich stell mir eben die Frage, ab wann ich jemanden grundsätzlich nicht mehr ernstnehmen/respektieren kann wegen konkreter Faktoren: redet fefe generell scheisse, nur weil ich seine „Israelkritik“ nicht teile? Darf man die Verdienste von Wikileaks solange nicht anerkennen, bis Assange sein verfahren durchhat? Ist es generell scheisse, Einzelpersonen, die ein grosses Rad gedreht haben, gut zu finden?
    Persönlich sehe ich es nicht als meinen Job an, fefe von anderen Ansichten in den jeweils für mich schwierigen Punkten zu überzeugen, ich bin verdammt gut drin, unterschiedliche Ansichten auszuhalten. Bezogen auf den Congress habe ich das Gefühl (soweit ich das als cis/white/male beurteilen kann), dass es extrem viel besser als sonstwo möglich ist, a) Verschiedenheit zu leben und b) übliche Diskriminierungen zu vermeiden. Und den leuten, die man nicht abkann, kann man hervorragend aus dem Weg gehen. Was ich an sich für die bessere variante halte. Wenn mein Anspruch der ist, mit ein paar tausend Leuten eine Veranstaltung zu machen, auf der keiner Ansichten hat, die auf andere als Brechmittel wirken, dann kann man eben keine Veranstaltung machen.

  5. stk

    Ich bin mir selber uneins, was ich von der Situation halten soll. Fakt ist: Es scheint sich etwas getan zu haben. Motto und Keynote waren deutliche Zaunpfaehle und haben – meine Wahrnehmung und mir zugetragener Anekdoten nach – zu vielen Diskussionen waehrend der Veranstaltung gefuehrt. Und die Existenz sowohl der Chaospatinnen als auch der Awareness-Engel als auch der Unisex-Toiletten als auch vieler anderer Dinge vermittelt mir den Eindruck, dass auch Den Leuten Vom Club* daran gelegen scheint, Dinge besser zu machen.

    Fakt ist aber auch, dass damit noch lange nicht alles erledigt ist. Dieselben Leute, die mir auf dem 30C3 (meinem ersten Congress) erzaehlten, dass sie seit $ewig_lange dabei seien und es noch nie eines CoC bedurfte und man sich nicht so haben solle, laufen immer noch rum und erzaehlen stolz, dass alles in Ordnung sei, ohne oeffentlich bemerkbaren Gegenwind von anderen CCC-Granden zu bekommen. Heldenverehrung und Personenkult gibt es immer noch, und wer einmal Held ist, scheint sakrosankt. Keine Ahnung, ob es Club-intern darueber Diskussionen gibt, ich bekomme als Quasi-Outsider jedenfalls wenig davon mit. Und ich erwischte mich selber dabei, die Klappe zu halten, als ein Alt-CCCler weiblichen Engeln gegenueber rummackerte, weil ich mich nicht traute, Kontra zu geben. Feigheit, die ich immer noch scheisse finde und bereue.

    So sehr auch ich tante und seine Faehigkeit, den Finger in die Wunde zu legen, schaetze: Ich finde es vermessen, nun vor allem denjenigen ans Bein zu pinkeln, die sich in der juengeren Zeit fuer Veraenderung eingesetzt haben. Das ist keine Gesamtabsolution fuer Den Club™ und keine Zielerfuellungserklaerung. Die zu bohrenden Bretter sind nach wie vor dick. Ich selber bin aber nunmal ein Fan passender Utopien als Gegenentwurf, auf die man zuarbeiten kann, wenn einer der Status Quo nicht passt. Das sehe ich bei tantes Aufforderung, Club und Congress doch einfach „ausbluten“ zu lassen, nicht gegeben.

    tantes Kritik an Der Hackerszene™ – die ich in nicht wenigen Punkten teile – beinhaltet auch die Kritik am blossen Loecher-in-Dinge-hauen und mit Told-you-so-Zufriedenheit darauf zu zeigen und zu verkuenden, dass man etwas kaputt bekommen habe. Ich halte diese Kritik fuer richtig, saehe sie aber gerne auch in der Gegenrichtung angewandt.

    *Die Leute Vom Club: Die vollkommen homogene Gruppe quasi gleicher Menschen, die den CCC an seinen vielen Wirkungsstaetten ausmacht. Wissenschon. Analog Der Club™, Die Hackerszene™ und so weiter.

  6. Korrupt

    Oh, da triffts wer besser auf den Punkt als ich es gekonnt hätte, danke dafür, was Positives und zu Bohrendes angeht, ich denke, das kann ich so unterschreiben.
    Ergänzend vielleicht:Mitglied, aber Insider ebensowenig, vielleicht ein Ohr am Boden, und von dem erlausche ich gelegentlich, dass natürlich gestritten wird, wie soll es unter Diskordiern auch anders sein. Grade unter dem Gesichtspunkt halte ich es aber für umso erfreulicher, was a) an positiven Veränderungen imo zutreffend konstatiert wurde und b) daraus hervorgehend, dass der Streit da durchaus in die richtige Richtung geht. Hoffnung sei Mangel an Information, wie man sagt, aber ich habe selbige dahingehend, dass der Prozess sich eher noch beschleunigt. Der 32c3 war jetzt mein zehmter, und die Halle/Party-Gestaltung zum 31c3 mit explizitem Bekenntnis zu linken Szenen in HH, dieses Jahr die Fluchtthematik, die deutlich weitergewachsene Präsenz von Art and Beauty, insbesondere auch in politischer Ausprägung, da ist Zug dahinter, und es wäre allen ein Bärendienst erwiesen, wenn man den einfach mal wegdiskutiert, weils nicht ins Weltbild passt.
    Disclosure meiner cis/male/white-Hintergründe, aber ich versuche an sich mitzubekommen, was bei anderen Menschen so Ankommt (u.a. deswegen lese ich hier 🙂 ) und wenn eine Forschungstorte, deren Standpunkte/Eindrücke mir diesbezüglich auch recht verlässlich und aufmerksam scheinen, die Kritik dann nur noch an zuwenig Italodisco und zuviel „Ich bin cooler als der andere DJ“-Techno festmacht, lese ich auch bei ihr ein generelles „Sonst ists auf einem guten Weg“ heraus.

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