Flausch. Fand ich eigentlich toll. Bis genau zu dem Moment, wo es mir dann mal einfach wirklich schlecht ging.
Es gab einen eigentlich nichtigen Anlass. Was Privates. Irgendwie war ich emotional überfordert. Passiert schon mal. Das sind die Reste der Borderline-Anteile, die ich ganz gut unter Kontrolle habe. Mit wenigen, weniger heftigen Ausschlägen als früher. Ganz weg sind die Abgründe aber nie. Das macht den Umgang mit mir manchmal schwierig. Vor allem für die, die mir wirklich nahe sind. Erst dann treten ja überhaupt Probleme auf.
Was daraus resultiert, ist aber der eigentliche Aufhänger. Ich habe Zweifel. Zweifel daran, ob “Flausch” funktioniert. Zweifel an der Echtheit, der Ehrlichkeit von dahingerotztem Flausch. Sicher. Menschen meinen das durchaus gut. Sie schicken Flausch, um etwas besser zu machen. Das mag bei kleinen Krisen funktionieren. Wenn es aber ernst wird, hilft kein Flausch. Ehrlich gestanden habe ich das in der Situation sogar als zynisch empfunden. Ich hätte echt böse Kommentare schreiben können als Reply. Habe ich nicht. Stattdessen habe ich mich zurückgezogen. Leute entfolgt oder geblockt bei Twitter. (Bitte verzeiht mir. Vielleicht ist es nicht so, dass ich euch nicht mag, sondern, dass ich euch zu viel mag und ich nicht damit umgehe kann, dass ihr nicht mal gemerkt habt, wie es mir geht oder noch schlimmer: Dass ihr es ignoriert habt.) Nachgedacht über dieses Internet und die Kontakte, die man darüber hat. Über Oberflächlichkeit und was eigentlich wirkliche Freunde sind.
Ich sehe die Probleme bei mir. Wenn man Hilfe/Kommunikation will, muss man den Mund aufmachen. Geht aber nicht. Warum? Weil ich, wenn ich so furchtbar verletzlich bin, eben so viel Angst vor Zurückweisung habe, dass ich dann nicht bitten kann. Ich könnte nicht mehr verarbeiten, wenn mir dann jemand sagt, er habe keine Zeit oder keine Lust oder was auch immer (alles legitime Gründe).
Gut ist: Diese Phasen gehen wieder vorbei. Da ich das weiß, kann ich mehr oder minder entspannt darauf hoffen.
Schlecht ist: In solchen Phasen neige ich zu radikalem Handeln. In vielerlei Hinsicht kann das problematisch sein. Im günstigsten Fall lösche ich den Twitteraccount. Im Affekt. Und heule dann weiter. Die schlimmeren Möglichkeiten erspare ich euch an dieser Stelle.
Am Ende waren dann drei oder vier Freunde (übrigens sowohl aus dem Meatspace, als auch aus diesem Internet) wirklich da. Übers Netz, im Chat, am Telefon und hatten die Zeit, mit mir meine Gedanken zu sortieren (auch nachts), den Schmerz zu lindern, den Fall abzumildern. Vielleicht funktioniert die Peergroup also doch. Die Freundschaften, die diese Phasen überstehen, halten dann immerhin oft auch über viele Jahre. Egal, wo ich diese Menschen kennen gelernt habe. Kate Bush zitieren: “Please be kind to my mistakes.” Danke!
7 Kommentare
Liebe Birgit (sorry, muss ich schreiben),
es ist immer schwierig für Menschen sich in andere Menschen hineinzudenken. Vielen Dank, dass du eine Tür geöffnet hast, die mich eintreten lässt…ein stückweit…in dein ganz privates InnenLeben. Nur dann, wenn solche Türen geöffnet werden, können wir eintreten, können sehen und vielleicht auch verstehen. Ich jedenfalls wünsche dir jede Menge Flausch, der das beinhaltet, was du zu gegebener Zeit benötigst und ich wünsche dir Menschen, die dir in bestimmten Situationen so zur Seite stehen, wie es für dich gerade richtig ist.
Ich denke, wer die Augen auch vor Abgründen nicht verschließt, ist auf dem besten Weg, nicht hinunterzustürzen.Ich wünsche dir alle Kraft der Welt, Krisen zu meistern und werde in Zukunft deine Tweets aufmerksamer lesen, weil ich es so will…
GLG Gaby (LadyUnbekannt)
Liebe Birgit,
ich bin vermutlich Experte für Abgründe. Ich helfe dir gerne, deine zu sortieren. Das ist wirklich ernst gemeint.
Grüße
Holger
Hallo Birgit,
du bist etwas enttäuscht über die wenigen Kommentare. Daher habe ich überlegt, was mich am kommentieren hinderte. Es war die allzu offensichtliche, jedem bekannte Wahrheit: Im Netz stellt sich sehr leicht eine oberlächliche Nähe dar. Ein Flausch hier. Ein Flausch dort. Es bilden sich schnell Bekannstschaften. Aber wahre Freundschaft ist das doch selbstverständlich (?) nicht. Der Flausch , den du bekommst ist in diesem Moment sicher immer so gemeint, aber was ist denn ein Flausch? Für mich Ausdruck eines, “Ich finde dich sympathisch, möchte dass es dir gut geht.” Aber internetentsprechend oftmals doch recht oberflächlich.
Denn um Frundschaften aufzubauen braucht es trotz der nicht vorhandenen Distanz des Netztes m.E. Zeit. Ich muss in die Menschen investieren. Muss etwas offenbaren. Man erlebt gemeinsam Höhen und Tiefen. Und diese Menschen schrecken auf, wenn du mit deiner Twitterabstinenz ein Notsignal sendest.
Alle anderen, die sich vielleicht auch Gedanken machen, sind dir einfach nicht nah genug, um in deinem Sinne angemessen zu reagieren. Sie senden dir ein “oberflächliches” Flausch. Soll vielleicht zeigen “ICh kenne dich nicht gut genug, aber ich sende dir einfach mal gute Gedanken. Ist doch nett. Aber ich verstehe, dass dir das in deiner Situation eher zynisch vorkam. Kenne ich. Doch man darf die Menschen in seiner Umgebung auch nicht überfordern, sondern sollte zw. den verschiedenen Freundeskreisen differenzieren.
Was du in deinem Blog schreibst meint doch nichts anderes als dass du richtige gute Freunde in Krisen erkennst. Und nicht jeder, den man übers Netz kennenlernt ist direkt ein richtig guter Freund. Aber vielleicht ein guter Freund, hmmm…?
Was war denn deine Erwartungshaltung? Mehr intensive Teilhabe? Mehr Erkennen?
LG und ausdrücklich kein Flausch, Andrea
@Andrea Ich war nicht enttäuscht, nur verwundert. Sonst gab es schlicht mehr Reaktion;-)
05:20? Das finde ich sehr besorgnis erregend..;)
Genieß die guten Freunde. Sie sind ein Geschenk! Aber das wirst du wissen.
Abschließend ist es wahrscheinlich wirklich einfacher, sich zu Sachthemen zu äußern, als zu persönlichn Einblicken. Bei mir zumindest existiert da eine Hemmschwelle, jmd. nicht zu nahe kommen zu wolllen, wenn ich ihn nicht gut kenne.
Meines Erachtens ist für wirkliches Vertrauen und wirkliche Nähe auch physische Nähe nötig. Wir sind nicht nur Text im Netz, wir sind Leiber, und Wärme ist nichts Virtuelles. Außerdem ist Nähe individuell, kann nicht auf einen Code, auf ein Hashtag reduziert werden.
Am Schluss muss jemand da sein, der einen drückt, dessen Atem und Wärme man spürt.
Leider habe ich nicht mitbekommen, dass es dir schlecht ging, ich war urlaubsbedingt nur sehr sporadisch in meiner Timeline/überhaupt online.
Ich hoffe trotzdem, dass du weißt, dass du mich jederzeit auch auf altmodische Weise erreichst. Notfalls fahre ich auch immer noch mitten in der Nacht zu Hohensyburg.
Flausch kann ich nicht bieten, und leider auch nicht mehr so hochfrequenten Kontakt wie vor ein paar Jahren – aber du hast einen sehr hohen Stellenwert für mich, daran hat sich nichts geändert.